Concrete & Steel Construction sprach mit Jan van Beuningen, Direktor für Bau und Energie im Ministerium für Wohnungsbau und Raumordnung, über die Rolle des Bausektors bei der nachhaltigen und zirkulären Transformation, die größten politischen Herausforderungen und die Innovationskraft des Bauwesens bis 2030.
1. Wie sehen Sie aus Sicht des Ministeriums die Rolle des Bausektors im Rahmen der nationalen Agenda für Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft?
“Der Bausektor ist von entscheidender Bedeutung für die Lösung des Wohnungsmangels, die nachhaltige Gestaltung des Bestands und die Ersatzbeschaffung bei Energieinfrastruktur und GWW. Was wir jetzt bauen, wird die Qualität der nächsten Jahrzehnte bestimmen. Deshalb setzen wir auf zukunftssichere, kreisförmige und abbaubare Gebäude. Die Branche zeigt hier mit Innovationen und neuen Kooperationen immer mehr Verantwortung.”
2. Was sind Ihrer Meinung nach die größten politischen Herausforderungen, um die gebaute Umwelt schneller nachhaltiger zu gestalten?
“Es wurde viel erreicht: Die CO2-Emissionen aus der bebauten Umwelt wurden seit 2010 etwa halbiert, und Dämmungsmaßnahmen finden breite Zustimmung. Gleichzeitig hinken kollektive Lösungen wie Wärmenetze und großflächige Dämmungsansätze weiterhin hinterher. Die Überlastung der Netze und der Stickstoff stellen zusätzliche Engpässe dar. Eine Beschleunigung erfordert stabile, vorhersehbare politische Maßnahmen, klare Standards und eine langfristige Finanzierung, damit die Beteiligten sich trauen zu investieren.”
3. Kreislaufwirtschaft ist ein weit gefasstes Konzept: Welche konkreten Ziele oder Prioritäten setzt das Ministerium in dieser Hinsicht?
“Für uns bedeutet zirkuläres Bauen strukturell weniger Emissionen, Abfälle und den Einsatz von Primärrohstoffen. Wir konzentrieren uns auf drei Dinge: Wiederverwendung von Materialien, mehr biobasiertes Bauen und mehr Nachhaltigkeit bei traditionellen Materialien wie Beton und Stahl. Programme wie IOP, das bevorstehende Baustoffabkommen, das nationale Konzept für biobasiertes Bauen und der zirkuläre Abriss sollen diese Bewegung beschleunigen, immer in enger Zusammenarbeit mit den Praktikern.”
4. Welche Rolle sehen Sie für Materialpässe und die Wiederverwendung von Beton und Stahl in den kommenden Jahren?
“Materialpässe können die Wiederverwendung bei Neubau, Instandhaltung und Renovierung erheblich fördern, sofern die Daten aktuell, austauschbar und leicht zugänglich sind. DigiGo arbeitet daher an der Standardisierung und an digitalen Marktplätzen. Bei Beton ist die direkte Wiederverwendung vor allem bei abnehmbaren Bauwerken vielversprechend, ansonsten bietet sich ein hochwertiges Recycling an. Stahl wird häufig recycelt, aber die Wiederverwendung kompletter Bauwerke gewinnt an Bedeutung.”
5. Die Energiewende erfordert erhebliche Anpassungen im Gebäudebestand. Wie können Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft Hand in Hand gehen?
“Gebäude nachhaltiger zu machen, ist der Moment, Energie- und Materialumstellung zu kombinieren. Wir sollten uns nicht nur auf den Energieverbrauch konzentrieren, sondern auch auf den Materialverbrauch, die Abtrennbarkeit und die Wiederverwendbarkeit. Über Verbouwstromen (Konversionsströme) bündeln wir Renovierungswünsche in kontinuierlichen Konversionsströmen und ermöglichen so Industrialisierung und Kreislauflösungen. Im Rahmen von NPCE arbeiten wir an Kreislauflösungen mit geringem Installationsaufwand, wobei wir uns vom Äquivalenzprinzip leiten lassen: Der Zweck steht im Mittelpunkt, nicht die Mittel.”
6. Was bedeutet das konkret für die Rolle von Bauherren und Kommunen bei Neubau- und Renovierungsprojekten?
“Die Umstellung auf industrielles Bauen ist unerlässlich: von einzelnen Projekten zu kontinuierlichen Bau- und Renovierungsabläufen. Bauherren wie Wohnungsbaugesellschaften und Bauträger können in Ausschreibungen explizit nach Kreislaufmaterialien und Klimasystemen mit geringeren Umweltauswirkungen fragen. Kommunen haben eine Vorbildfunktion bei ihren eigenen Liegenschaften - denken Sie an Schulen, Sporthallen und Gemeindezentren -, wo sie den Bewohnern kreislauforientierte Entscheidungen vor Augen führen können.”
7. Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen Regierung, Wissensinstitutionen und Marktteilnehmern sind Ihrer Meinung nach am effektivsten für die Beschleunigung von Kreislaufinnovationen im Bauwesen?
“Beschleunigung erfordert echte Ko-Kreation. Dies geschieht im Rat ”Bauwesen", in den TKIs wie "Bau und Ingenieurwesen" und "Urbane Energie" sowie in den Programmen des Wachstumsfonds und des MMIP. Das Circular Construction Economy Transition Team verbindet Politik, Wissen und Praxis und hilft dabei, Initiativen auf gemeinsame Ziele und skalierbare Lösungen zu konzentrieren.”
8. Gibt es konkrete Beispiele für Projekte oder Initiativen, die Ihrer Meinung nach als Inspiration für den Sektor dienen könnten?
“Die Vereinbarung über die Kreislaufwirtschaft an der Fassade zeigt, wie die Kettenparteien gemeinsam konkrete Schritte unternehmen. Wohnungsbaugesellschaften teilen über die Green Housing Partners Beispiele, die zirkulär, sozial und machbar sind. Die bevorstehende Vereinbarung über Baumaterialien ist ein weiteres inspirierendes Beispiel: Sie bündelt die Energie und den Ehrgeiz der Beton-, Stahl- und Holzketten, um wirklich am Kreislaufbau zu arbeiten.”
9. Wie sehen Sie das Gleichgewicht zwischen Anreizen (Subventionen, Pilotprojekte) und Verpflichtungen (Vorschriften, Normen) bei der Förderung des Kreislaufbaus?
“Wir brauchen sowohl Ermutigung als auch Standardisierung. Vorreiter brauchen Raum und Unterstützung durch Programme, Piloten und beispielhafte Projekte, unter anderem mit der nationalen Immobiliengesellschaft. Gleichzeitig braucht es klare Rahmenbedingungen, wie z.B. Umweltleistungsanforderungen (MPG), um den breiten Markt in Bewegung zu bringen. Die Einführung der Whole-Life-Carbon-Anforderungen stärkt diese Mischung aus Anreizen und Verpflichtungen.”
10. Welche Entwicklungen können wir in den kommenden Jahren in Bezug auf Gesetze und Vorschriften für nachhaltiges und kreisförmiges Bauen erwarten?
“Eine wichtige Entwicklung ist die Umsetzung der europäischen Richtlinie EPBD IV. Diese enthält sowohl Anforderungen für den bestehenden Bestand als auch die Verpflichtung, eine WLC-Anforderung für neue Gebäude einzuführen. Diese Anforderung muss bis 2027 klar sein und wird 2030 in Kraft treten. Damit steuern wir die CO2-Emissionen ganzheitlich über den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden.”
11. Welche technologischen Innovationen im Beton- und Stahlbau haben Ihrer Meinung nach das größte Potenzial für eine Kreislaufwirtschaft?
“Wir brauchen alle Materialien - Beton, Stahl, Holz, biobasierte und recycelte - und müssen sie alle nachhaltig machen. Bei Beton sehen wir Entwicklungen im Bereich der CO2-Speicherung und emissionsarmer Zementsubstitute, die häufig Reststoffe als Rohstoffe verwenden. Bei Stahl arbeiten wir mit grüner Energie und Wasserstoff, und neben dem Recycling liegt der Schwerpunkt zunehmend auf der Wiederverwendung von Strukturen. Diese Innovationen zusammen sind für den Übergang unerlässlich.”
12. Wie würde der Bausektor im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft bis 2030 idealerweise aussehen?
“Bis 2030 werden Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft selbstverständliche Bestandteile des Sektors sein. Marktanforderungen, steuerliche Anreize und Vorschriften verstärken sich gegenseitig. Die Parteien arbeiten bei Bau- und Renovierungsmaßnahmen strukturell zusammen, so dass eine Ausweitung normal ist. Für die Umstellung der Materialien gibt es klare Rahmenbedingungen, und bei Neubauten und Renovierungen werden in großem Umfang Kreislaufmaterialien verwendet. Auf diese Weise bauen wir Schritt für Schritt einen zukunfts- und wettbewerbsfähigen Bausektor auf.”