Wer in Beton oder Stahl baut, denkt zuerst an Stabilität, Materialstärke, Haltbarkeit und Ausführungstechnik. Doch ein Aspekt bleibt nach Ansicht des Brandschutzexperten Johan Bijvank (Fire Prevention Academy) erstaunlich oft unterbelichtet: der passive Brandschutz. “Er ist der Teil eines Gebäudes, den man nie sieht”, sagt Bijvank. “Aber wenn etwas schief geht, ist es genau diese versteckte Schicht, die Leben rettet.” Ihm zufolge gibt es die größten Missverständnisse an zwei Fronten: bei Neubauten und bei bestehenden Gebäuden.
Bei Neubauprojekten wird dem baulichen Brandschutz oft nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, da er keinen direkt sichtbaren oder ‘nutzbaren’ Mehrwert wie Komfort, Ästhetik oder Energieeffizienz mit sich bringt. “Der Bauherr zahlt zwar für den Brandschutz”, sagt Bijvank, “aber er nutzt ihn in der Regel nicht während seiner Lebensdauer. Infolgedessen wird er zu oft als Voraussetzung und nicht als wesentlicher Bestandteil angesehen.”
Bei bestehenden Gebäuden ist dies sogar noch problematischer. Die Argumentation ‘Es steht seit zwanzig Jahren da, also muss es richtig sein’, ist nicht nur falsch, sondern sogar gefährlich. Sobald sich die Funktionen ändern - ein Bürogebäude wird zu einer Schule oder eine Lagerhalle wird erweitert - entsteht eine neue Nutzungsrealität. “Der ursprüngliche Brandschutz ist dem oft nicht angepasst”, sagt er.”

Interessanterweise liegt das größte Risiko nicht in der Ausführung, sondern in der Entwurfsphase. “Wenn der Entwurf falsch ist, wird es später extrem teuer, ihn zu korrigieren”, betont Bijvank. “Und manchmal stellt man erst nach der Fertigstellung fest, dass ein Raum unzureichend ist oder dass Rauchabtrennungen fehlen. Und das kostet dann Geld, nicht selten sehr viel Geld.”
Die Botschaft ist klar: Brandschutz sollte von Anfang an ein integraler Bestandteil der Bauplanung sein, insbesondere bei Beton und Stahl, wo die Details rund um Durchdringungen, Verbindungen und Verkleidungen komplex sind.
Eine der radikalsten Entwicklungen in den Niederlanden ist die Einführung strengerer Anforderungen an den Rauchdurchgangswiderstand (WRD) gemäß NEN 6075. Schließlich ist Rauch die größte Bedrohung bei einem Brand. Er breitet sich schneller aus als Feuer, macht Fluchtwege unbenutzbar und verursacht die meisten Todesopfer. In der Vergangenheit wurde der Rauchwiderstand einfach als eine Ableitung des Feuerwiderstands berechnet. Heute wird Rauch gesondert behandelt, mit separaten Anforderungen für kalten Rauch (Ra) und heißen Rauch (R200). Bijvank nennt ein anschauliches Beispiel: “Eine Tür in einem Fluchtweg muss zunächst kalten Rauch abhalten. Erst bei 140-150 Grad wird der intumeszierende Streifen, der die Fuge abdichtet, aktiv. Bis dahin sorgt ein Gummirahmenprofil für die Rauchbarriere. Solche Details machen in der Praxis den Unterschied zwischen sicher und unsicher aus.”

BIM und digitale Gebäudemodelle können nach Ansicht von Bijvank einen strukturellen Durchbruch darstellen. In einem BIM-Modell können der Brandschutzberater und der Türenhersteller bereits in der Entwurfsphase Metadaten hinzufügen: Feuerwiderstand, Rauchklasse, Produkttyp, Wartungsinformationen usw. So werden Fehler behoben, bevor die erste Schaufel in den Boden kommt. Auch in Bezug auf die Verwaltung sieht er eine Beschleunigung: “Die Installateure fügen ständig Rohre und Kabel hinzu. Reparaturen werden oft ad hoc durchgeführt. Mit einer guten Datenbank können Sie diese feuerfesten Durchdringungen überwachen und warten - nicht nur im Falle eines Brandes, sondern jeden Tag.”
Das Bauwesen entwickelt sich rasant, und laut Bijvank werden vorgefertigte Bauteile, standardisierte Details und schnellere Montageprozesse in den kommenden Jahren zu einem Paradoxon führen: Das Bauen wird effizienter, aber der Brandschutz wird komplexer. Darüber hinaus sieht er neue Herausforderungen in der Verwendung von biobasierten Materialien wie Holz, Flachs und Zellulosedämmung. Nachhaltig, leicht und intelligent - aber die Brandschutzstandards hinken noch hinterher. “Das Bauen ist dem Brandschutz voraus”, warnt er. “Wir bauen viel mit Holz, aber das Wissen darüber ist noch nicht vollständig vorhanden.”