Plattform zu Beton und Stahl im Bauwesen
Ein Buchlager ohne Klimaanlagen
Die bauliche Fertigstellung des neuen Buchlagers ist für das dritte Quartal 2027 geplant. (Bild: RVB/Office Winhov)

Ein Buchlager ohne Klimaanlagen

Millionen Bücher, Zeitungen und Zeitschriften ohne herkömmliche Klimaanlagen lagern. Genau das wird bald in Den Hoorn in der Gemeinde Midden-Delfland geschehen, wo derzeit ein neues Lager für die KB-Nationalbibliothek gebaut wird. Ein Lager, in dem gerade die Masse der schweren Betonwände und der Bestand dazu beitragen, Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu regulieren. So wird sichergestellt, dass die Lagerbedingungen so gut wie möglich sind, ohne energieintensive Klimaanlagen.

Der Bau des neuen Lagerhauses der KB-Nationalbibliothek in Den Hoorn ging auf einen einfachen Bedarf zurück. “Das bestehende Buchlager in Den Haag ist veraltet, die technischen Anlagen nähern sich dem Ende ihrer Lebensdauer und der verfügbare Platz geht zur Neige”, erklärt Kirsten van Zeijl, Projektmanagerin bei der Rijksvastgoedbedrijf und eng in den Bau des neuen Buchlagers eingebunden.

Die besondere Fassadenverkleidung aus glasfaserverstärktem Beton erinnert an ein aufgeschlagenes Buch mit Hieroglyphen. (Bild: RVB/Office Winhov)
Die besondere Fassadenverkleidung aus glasfaserverstärktem Beton erinnert an ein aufgeschlagenes Buch mit Hieroglyphen. (Bild: RVB/Office Winhov)

Alles andere als traditionell

Doch die Lösung war alles andere als traditionell. “Wir bauen ein Gebäude für hundert Jahre. Bautechnisch ist das durchaus machbar, aber aus haustechnischer Sicht wird es deutlich komplizierter”, bemerkt Van Zeijl. Deshalb suchte man nach einem Konzept, das gerade so wenig wie möglich von Haustechnik abhängig ist. “Alte Kirchen, Pyramiden und andere massive Bauwerke waren eine wichtige Inspirationsquelle. Sie folgen dem Prinzip der ‘großen Masse’, sodass das Raumklima nicht unmittelbar auf jede Änderung der Außentemperatur reagiert. Genau wie bei diesen jahrhundertealten Gebäuden soll sich das Raumklima des neuen Buchlagers sanft den Jahreszeiten anpassen, ohne große Schwankungen.”

Version 2.0

In der Vorbereitungsphase wurde eine umfassende Studie zum optimalen Raumklima für die Sammlung durchgeführt. “Neben einer hohen Masse ist auch eine optimale Luftdichtheit ein wichtiger Ausgangspunkt”, sagt Van Zeijl. “Außerdem wussten wir, dass ein Bau ohne Klimaanlagen möglich ist, da in der Schweiz ein vergleichbares Buchlager errichtet wurde, in dem unter anderem Universitätsbücher gelagert werden. Die Papiermasse wirkt dort als natürlicher Puffer für Wärme und Feuchtigkeit. Wir bauen in Delft die Version 2.0, bei der das Wissen und die Fachkompetenz der Speicherbibliothek aus der Schweiz genutzt werden. Das Gebäude erhält Betonwände mit einer Höhe von nicht weniger als 21 Metern und einer Dicke von 35 Zentimetern. Darauf folgt eine 18 Zentimeter dicke Dämmschicht, gefolgt von einem Rahmen, Gipskarton- und Gipsfaserplatten sowie einer besonderen Fassadenverkleidung aus glasfaserverstärktem Beton, die ein aufgeschlagenes Buch mit Hieroglyphen darstellt.”

Das Gebäude erhält Betonwände mit einer Höhe von sage und schreibe 21 Metern und einer Dicke von 35 Zentimetern. (Bild: Visser & Smit Bouw)
Das Gebäude erhält Betonwände mit einer Höhe von sage und schreibe 21 Metern und einer Dicke von 35 Zentimetern. (Bild: Visser & Smit Bouw)

Sauerstoffarm

Der Brandschutz stellt eine zweite technische Meisterleistung dar. Das neue Lager wird künftig aus einem einzigen großen Brandabschnitt bestehen. “Das ist schon etwas Besonderes, wenn man bedenkt, wie viel Papier dort gelagert wird”, räumt Van Zeijl ein. “Dem gingen umfangreiche Absprachen mit den Behörden voraus, insbesondere mit der Feuerwehr. Dennoch ist es dank der Sauerstoffreduzierung möglich. Der Sauerstoffgehalt wird unter 13,5 Prozent gehalten, wodurch eine Entzündung unmöglich ist. Man kann dort kein Streichholz anzünden. Sollte der Sauerstoffgehalt steigen, wird Stickstoff in den Raum geblasen, um den Wert wieder auf das erforderliche Niveau zu bringen.”

Das Lagerhaus wurde vollständig aus Massivbeton errichtet, wobei die Wände in drei Abschnitten gegossen wurden und dafür sogar Stützbalken aus dem Ausland beschafft wurden. (Bild: Visser & Smit Bouw)
Das Lagerhaus wurde vollständig aus Massivbeton errichtet, wobei die Wände in drei Abschnitten gegossen wurden und hierfür sogar Stützbalken aus dem Ausland beschafft wurden. (Bild: Visser & Smit Bouw)

Automatisiertes Lagersystem

Auch die Mitarbeiter der KB, der Nationalbibliothek, werden künftig keinen Zugang mehr zum Magazin haben. “Die Bestände werden in einem vollautomatisierten Lagersystem aufbewahrt. Im Magazin werden Regale mit Behältern aufgestellt, die automatisch entnommen und wieder zurückgestellt werden. Das System basiert auf einer Technologie, die auch in Distributionszentren zum Einsatz kommt, ist für ein Bibliotheksmagazin jedoch einzigartig”, erklärt Van Zeijl. “Behälter mit ausgeliehenen Objekten werden vollautomatisch aus dem Lager geholt und zum Vorbau transportiert. Hier befindet sich auch das einzige Fenster, das einen Blick ins Lager freigibt. Außerdem besteht das Magazin vollständig aus Massivbeton, dessen Wände in drei Teilen gegossen wurden und für dessen Bau sogar Stützen aus dem Ausland beschafft wurden.”

Die bauliche Fertigstellung des neuen Buchlagers ist für das dritte Quartal 2027 geplant. Dann wird das Lagersystem integriert, und die KB, die Nationalbibliothek, steht vor der schwierigen Aufgabe, diese Millionen Bücher, Zeitungen und Zeitschriften umzulagern und in über 235.000 Behälter im neuen Buchlager unterzubringen.

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