Es ist soweit: Nach einem Jahrzehnt der Überarbeitung werden die Eurocodes der zweiten Generation nun endlich nacheinander veröffentlicht. Die neuen Normen umfassen unter anderem zahlreiche Anpassungen an technische Entwicklungen, den Klimawandel und moderne Entwurfsmethoden. Gleichzeitig versprechen Harmonisierung und eine klarere Strukturierung der Normen eine bessere Anwendbarkeit in der Praxis. In diesem Interview erläutert Bjorn Vandensteendam, Teamleiter Technical Services bei ALLPLAN, warum die Eurocodes der zweiten Generation mehr als nur ein Update sind, was sie für Bauingenieure und Geotechniker so relevant macht, welche Fristen für die Umstellung gelten und warum Planungsbüros gut daran tun, schon jetzt damit zu beginnen.

Bjorn Vandensteendam, warum sind die Eurocodes der zweiten Generation mehr als nur eine Aktualisierung – und warum ist diese Neugestaltung für Bau- und Geotechnikingenieure so wichtig?
Die zweite Generation der Eurocodes wird insbesondere die Struktur, den Inhalt und den Anwendungsschwerpunkt der Normen verändern – mit direkten Auswirkungen auf die Planung, die Nachweise und die Software sowie auf die Haftung von Bau- und Geotechnikingenieuren. Am wichtigsten ist jedoch, dass Bewertungsansätze, partielle Sicherheitskonzepte und Nachweismethoden in verschiedenen Bereichen auf der Grundlage umfangreicher Forschungsarbeiten der letzten Jahre erweitert, harmonisiert und angepasst werden.
Ein zentrales Ziel ist die Reduzierung national festgelegter Parameter. Damit soll ein einheitlicheres europäisches Sicherheitsniveau geschaffen und die Vergleichbarkeit der Nachweise zwischen den Ländern verbessert werden. Für Konstrukteure bedeutet dies einerseits weniger “Normwechsel”, andererseits aber auch weniger Spielraum aufgrund nationaler Anpassungen. Hinzu kommt die neue Struktur der Vorschriften. Der Inhalt wurde gestrafft, Überschneidungen wurden reduziert und die Terminologie wurde standardisiert. In Zukunft werden viele typische Prüfungssituationen unter vereinfachte Verfahren fallen. Dies vereinfacht Standardfälle, erfordert aber gleichzeitig eine tatsächliche Änderung der Kapitelstruktur, der Verweise und der detaillierten Vorschriften.
Eine weitere tiefgreifende Änderung ist die Aufnahme neuer Werkstoffe in die Bemessungsnormen. Es werden spezifische Bestimmungen für Glaskonstruktionen, atmosphärische Vereisung, Wellen- und Strömungseinflüsse sowie für die Bewertung und Nachrüstung bestehender Bauwerke eingeführt. Dadurch werden viele Aspekte, die bisher in Richtlinien, technischen Broschüren oder auf der Grundlage bautechnischer Erfahrung behandelt wurden, direkt in die Eurocodes aufgenommen.
Gleichzeitig gewinnen Robustheit, Nachhaltigkeit und Klimaresilienz zunehmend an Bedeutung. Die Normen betrachten Gebäude nicht mehr nur im Rahmen der klassischen Grenzwertprüfung, sondern über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg – vom Entwurf über die Nutzung bis hin zur Erhaltung, Nachrüstung und Wiederverwendung. Für viele Planungsbüros bedeutet dies einen echten Perspektivwechsel im Entwurfsprozess.
Was ändert sich konkret für Bauingenieure und Geotechniker? Welche dieser Entwicklungen werden die größten Auswirkungen auf ihre tägliche Arbeit haben?
Die Überarbeitung der Norm EN 1990 spielt eine Schlüsselrolle. Künftig wird die Grundnorm in zwei Teile gegliedert – einen für Neubauten und einen für Bestandsbauten – und wird geotechnische Aspekte, Robustheit sowie neue Bauwerksarten wie Türme, Silos, Tanks und Küstenbauwerke wesentlich systematischer berücksichtigen. Dies hat direkte Auswirkungen auf Sicherheitskonzepte, Lastkombinationen und die Definition der Tragkonstruktion.
Im Bereich der Baustoffe wird der neue Eurocode 2 erheblich erweitert. Künftig werden Brücken, wasserdichte Bauwerke, Rückhaltebauwerke, CFK-Verstärkungen und Stahlfaserbeton in einem zentralen Teil der Norm zusammengefasst. Gleichzeitig werden neue Vorschriften für höhere Betonfestigkeiten, Bewehrungen aus rostfreiem Stahl und Recyclingbeton eingeführt. Bauingenieure müssen daher ihre Entwurfsmodelle, detaillierten Entwurfsprüfungen und Materialauswahlen überarbeiten – insbesondere im Brückenbau und im Spezialtiefbau.
Auch für Geotechniker bringt die zweite Generation erhebliche Veränderungen mit sich. Der bisher zweiteilige Eurocode 7 wird zu einer dreiteiligen Norm mit umfassenden Bestimmungen zu Grundwasserständen und -drücken, Dauerhaftigkeit und Robustheit. Ein weiteres neues Merkmal ist die Einführung eines standardisierten Verfahrens zur Tragfähigkeitsnachweise mithilfe numerischer Modelle, was eine solidere Grundlage für geotechnische FEM-Berechnungen bietet. Gleichzeitig werden geotechnische Aspekte enger in die EN 1990 integriert. Dies erfordert, dass Bauingenieure und Geotechniker künftig Sicherheitskoeffizienten, Lastkombinationen und Modellannahmen noch genauer aufeinander abstimmen.
Für Stahl führt die zweite Generation erhebliche Verbesserungen ein, die dem aktuellen Stand der Forschung und der Baupraxis entsprechen. Die Stabilitätsprüfung wurde durch verfeinerte Knickkurven und eine aktualisierte allgemeine Methode für genauere Vorhersagen der Instabilität von Stahlbauteilen verbessert. Der Werkstoffbereich wurde um Stahlsorten bis S700 in EN 1993-1-1 und S960 in EN 1993-1-12 erweitert. Eine wichtige Neuerung betrifft halbkompakte (Klasse 3) Profile mit neuen Regeln, die elastisch-plastische Übergänge zulassen. Die Bestimmungen zur Feuerwiderstandsfähigkeit wurden ebenfalls modernisiert und umfassen nun leistungsorientierte Bemessungsansätze sowie verfeinerte Methoden zur Bestimmung kritischer Temperaturen. Zwei neue Teile ergänzen die Norm: EN 1993-1-13 für Träger mit großen Stegöffnungen und EN 1993-1-14 für die Bemessung auf der Grundlage der Finite-Elemente-Methode.
Die Norm EN 1992-1-1 für die Bemessung von Beton führt mechanisch basierte Modelle ein, um die Genauigkeit und Transparenz zu verbessern. Die Bestimmungen für Scherung und Stanzscherung wurden unter Verwendung der Critical Shear Crack Theory (CSCT) vollständig neu formuliert, wobei Größen- und Schlankheitseffekte angemessen berücksichtigt werden. Rissmodelle wurden mit verbesserten Formeln für Rissabstand und -breite verfeinert, was nachhaltigere Entwürfe ermöglicht. Der Anwendungsbereich der Norm wurde drastisch erweitert, indem Bestimmungen aus separaten Teilen für Brücken und Einbaukonstruktionen in EN 1992-1-1 zusammengefasst wurden, mit neuen Anhängen zu CFK-Verstärkung, stahlfaserverstärktem Beton, Beton mit recycelten Zuschlagstoffen und der Bewertung bestehender Bauwerke.
Wann treten die Eurocodes der zweiten Generation in Kraft – und wie viel Vorbereitungszeit steht den Planern realistisch gesehen zur Verfügung, um sich darauf einzustellen?
Die zweite Generation der Eurocodes tritt am 30. März 2028 in Kraft; zu diesem Zeitpunkt muss die erste Generation europaweit außer Kraft gesetzt werden. Bis dahin gilt eine Koexistenzphase, in der beide Generationen je nach den nationalen Einführungs- und Übergangsregelungen parallel angewendet werden können.
Auf europäischer Ebene gelten klare Fristen: Spätestens im März 2026 müssen die endgültigen Entwürfe den nationalen Normungsinstituten vorgelegt werden. Diese müssen spätestens im September 2027 auf nationaler Ebene veröffentlicht sein, bevor im März 2028 die formelle Aufhebung der alten Normen erfolgt. In Deutschland erfolgt die Veröffentlichung der Normen seit Herbst 2024 schrittweise und wird voraussichtlich im Herbst 2027 abgeschlossen sein. Der Zeitpunkt, zu dem die Normen rechtsverbindlich werden, richtet sich anschließend nach den Bauvorschriften der Bundesländer, behördlichen Vorschriften und Übergangsfristen.
Realistisch betrachtet haben Planungsbüros also eine Übergangsphase von etwa zwei bis drei Jahren, um ihre technischen Prozesse, ihre Organisation und ihre Software anzupassen. Insbesondere der Zeitraum von 2026 bis 2027 bietet die Möglichkeit, Schulungen zu entwickeln, interne Standards festzulegen und erste Referenzentwürfe zu erstellen. Viele Organisationen und Softwarehersteller empfehlen daher, bereits jetzt mit Pilotprojekten zu beginnen, damit man vollständig vorbereitet ist, wenn die erste Generation der Eurocodes außer Kraft gesetzt wird.
Welche Risiken bestehen, wenn Büros zu lange mit der Umstellung auf die neuen Eurocodes warten?
Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass bestehende Projekte automatisch neu entworfen werden müssen, um den neuen Eurocodes zu entsprechen. In der Regel gilt dies nicht für genehmigte Entwürfe. Allerdings können Herausforderungen für Projekte entstehen, die sich noch in der Entwurfsphase befinden, wenn sich der relevante Rechtsrahmen während des Projekts ändert und die Behörden plötzlich die neue Fassung verlangen. Insbesondere bei Brücken, Großbauwerken oder spezialisierten Tiefbauprojekten mit langer Laufzeit ist es daher wichtig, bereits in einem frühen Stadium vertraglich festzulegen, welche Normgeneration gilt und welche Version die Genehmigungsbehörde erwartet.
Darüber hinaus spielt die Frage der strukturellen Neubewertungen und Nutzungsänderungen in bestehenden Gebäuden eine Rolle. In diesen Fällen ist zu erwarten, dass Behörden mittelfristig der zweiten Generation den Vorzug geben werden. Frühere Projektansätze lassen sich dann nicht mehr ohne Weiteres anpassen, was zu uneinheitlichen Ergebnissen und zusätzlichem Aufwand führen kann. Es ist auch aus organisatorischer Sicht riskant, interne Vorlagen, Standarddetails und Software zu spät anzupassen. Büros, die damit warten, laufen Gefahr, Effizienz- und Haftungsprobleme zu bekommen, da die Entwurfsberechnungen nicht mehr den aktuellen Normen entsprechen. Letztendlich kann dies zu einer überstürzten Umstellung unter Zeitdruck führen – einschließlich Schulungen, Softwareänderungen und Prozessanpassungen während des laufenden Betriebs – anstatt zu einer über mehrere Jahre geplanten Umstellung.
Welchen Rat würden Sie Ingenieuren geben, die noch zögern?
Der Umstieg lohnt sich jetzt, da die Koexistenzphase einen begrenzten Zeitraum bietet, in dem sich Büros ohne allzu großen Druck, aber dennoch anhand realer Projekte mit den neuen Vorschriften vertraut machen können. Wenn Sie diese Jahre verstreichen lassen, müssen Sie später in den Bereichen Software, Prozesse und Schulungen einen Rückstand aufholen – und das unter deutlich engeren Fristen und höherem Wettbewerbsdruck. Die neuen Eurocodes sind keine kosmetische Überarbeitung. Sie bringen neue Nachweisförmer, Sicherheitskonzepte und strukturelle Rahmenbedingungen mit sich, beispielsweise in Eurocode 2 und Eurocode 3. Frühzeitige Pilotprojekte helfen Teams dabei, diese Veränderungen zu verstehen, Erfahrungen zu sammeln und interne Standards anzupassen, bevor Auditoren oder Kunden die neue Generation dringend einfordern.
Ein früher Start ist auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll: Schulungen, Software-Updates und interne Anpassungen können über mehrere Jahre verteilt werden, anstatt kurz vor der Ausmusterung der Vorgängergeneration eine Kostenwelle auszulösen. Gleichzeitig wird das Risiko verringert, dass Projekte nach Standards gestartet werden, die möglicherweise noch während des Projekts abgeschafft werden. Auch der psychologische Effekt darf nicht unterschätzt werden. Wer wartet, empfindet den Übergang als eine von außen auferlegte Verpflichtung. Wer jetzt anfängt, kann selektiv vorgehen, Fehler machen und daraus lernen, während die vorherige Generation noch als Alternative zur Verfügung steht, und die zweite Generation als Chance nutzen, um Prozesse und Tools umfassend zu modernisieren.
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