Plattform zu Beton und Stahl im Bauwesen
Meteorit am Ring
Architekt Atteveld: “Das Hilfswärmekraftwerk in Amsterdam-Nord könnte unserer Meinung nach durchaus zu einem Symbol für die Nachhaltigkeitsziele Amsterdams werden.”

Meteorit am Ring

Robustes Hilfsheizwerk mit markanter Architektur

An der A10, am Rande von Amsterdam-Noord, entsteht ein Gebäude, das ausschließlich als Versorgungsanlage dienen wird. Das Hilfsheizkraftwerk „Het Groene Veld“ soll künftig in Zeiten hoher Kältebedarfspitzen die Wärmeversorgung in diesem Stadtteil sicherstellen. Nach den Worten von Jeffrey Haspels, der im Auftrag von Westpoort Warmte (einem 50/50-Joint-Venture der Stadt Amsterdam und Vattenfall) für die Realisierung verantwortlich ist, handelt es sich um eine Anlage, die das leisten soll, was den Bewohnern letztendlich am wichtigsten ist: Wärme liefern, wenn es wirklich darauf ankommt. Gleichzeitig erhielt das Gebäude eine Form, die der unsichtbaren Welt der Energieversorgung ein Gesicht verleiht.

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Das Fundament steht. Um dieses herum entsteht eine zweite Stahlkonstruktion für die ausdrucksstarke Hülle.

Die Logik hinter dem Projekt ist klar. Amsterdam-Noord wächst schnell, der Wärmebedarf steigt ebenfalls, und gerade die Transportkapazität nach Noord stößt zu Spitzenzeiten an ihre Grenzen. Es wird erwartet, dass im Jahr 2040 etwa 36.000 Haushalte an das Fernwärmenetz von Westpoort Warmte angeschlossen sein werden (derzeit sind es etwa 14.000). Deshalb wird dieses Kraftwerk gebaut: als Spitzen- und Reserveversorgung bei extremer Kälte sowie bei Wartungsarbeiten oder Störungen. Mit anderen Worten: um den Bewohnern Versorgungssicherheit zu bieten, wenn es wirklich darauf ankommt. Gleichzeitig wird das unterirdische Fernwärmenetz in Noord ausgebaut. Laut Vattenfall wird der Bau des Hilfswärmekraftwerks (HWC) bis Mitte 2027 andauern.

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Vereinfachter Querschnitt des ‘Meteoriten’.

Zwei Kessel

Technisch gesehen ist „Heat Source Amsterdam-Noord“ ein bescheidenes, aber unverzichtbares Glied in der Wärmeversorgung des Stadtteils. In dem Gebäude sind zwei Heizkessel mit einer Leistung von jeweils 30 MW untergebracht, sodass der eine bei Bedarf für den anderen einspringen kann. Die Anlage ist nicht permanent in Betrieb, sondern wird vor allem in Kälteperioden und zu anderen Zeiten eingesetzt, in denen das System Unterstützung benötigt. Dadurch kann das Fernwärmenetz mit Noord mitwachsen und mehr Haushalte können vom Gas wegkommen, ohne dass die Versorgungssicherheit beeinträchtigt wird. 

Systemlogik

Dass hier – vorerst noch – Erdgas zum Einsatz kommt, macht das Projekt zwar nicht von Anfang an nachhaltig, aber auch nicht unlogisch. “Dieses Kraftwerk ist keine Grundlastanlage, die Tag und Nacht läuft, sondern eine Anlage für Spitzenlasten und Ausfälle”, betont Haspels. “Durch die Realisierung dieser Anlage kann das Fernwärmenetz erweitert werden.” Der überwiegende Teil der Wärme wird vom Abfallenergieunternehmen AEB Amsterdam geliefert. “Der Anschluss von Wohnungen an das Fernwärmenetz sorgt für eine erhebliche CO₂-Einsparung im Vergleich zum Einsatz eines Heizkessels. Die Anlage ist zwar bereits auf andere Energieträger wie Ökogas und möglicherweise Wasserstoff vorbereitet, doch das müssen wir vorerst zurückstellen, da die entsprechende Infrastruktur noch nicht verfügbar ist. Nicht alles in der Energiewende lässt sich mit einem Schlag lösen. Manchmal erfordert Fortschritt eine Lösung, die heute nutzbar ist und morgen nicht sofort veraltet ist.”

Standort

Von insgesamt vierzehn untersuchten Standorten erwies sich “Het Groene Veld” neben der Ausfahrt 16 der A10 als am besten geeignet. Auf der Karte sieht es wie eine Restfläche entlang der Autobahn aus, doch für das Projekt wurden einige Bäume gefällt und ein Wohnwagenpark ein Stück weit verlegt. Anschließend wurde das Gelände baureif gemacht und eine provisorische Zufahrt für den Schwerlastverkehr von der Ringstraße her eingerichtet. Später wurden neue Leitungsanschlüsse an das Fernwärmenetz verlegt, teils im offenen Grabenbau und teils mittels einer gesteuerten Bohrung unter der A10. Haspels: „Umweltmanagement ist hier selbstverständlich keine Nebensache; man denke an Anwohnerabende, Newsletter, eine Bau-App und eine monatliche Sprechstunde ohne Voranmeldung. Schließlich verläuft die Wärmeinfrastruktur nicht nach Zeitplänen, sondern durch Stadtviertel – das muss man sorgfältig gestalten.“

Keine Schachtel, sondern ein Ding

Dann ist da noch der Faktor Architektur. Der Auftraggeber Westpoort Warmte, ein Joint Venture der Stadt Amsterdam und Vattenfall, hat mit SOME architects ein Büro an dieses Projekt gebunden, das aus Energiegebäuden keine anonymen Kisten macht, von denen die Stadt lieber wegschaut. Architekt Jeroen Atteveld: “Die Niederlande sind gut darin, Komfort zu organisieren, aber viel weniger darin, die Systeme zu zeigen, die diesen Komfort ermöglichen. Es ist ein unglaublicher Luxus, dass man warmes Wasser bekommt, wenn man einen Wasserhahn aufdreht. Wir wollen dieser Selbstverständlichkeit ein deutlicheres Gesicht geben, so wie man es vor hundert Jahren zur Zeit von Berlage auch getan hat. Das HWC in Amsterdam-Nord sollte unserer Meinung nach durchaus zu einer Ikone der Nachhaltigkeitsbestrebungen Amsterdams werden.” Dieser Gedanke mündete in einen meteoritenartigen Baukörper, der allseitig offen ist und weder eine Vorder- noch eine Rückseite hat. Atteveld: “Die Fassade aus Zink-Rauten sowie die rautenförmigen Dach- und Fassadenplatten fangen Licht, Luft und Grün ein und verleihen dem Baukörper ein wechselndes Erscheinungsbild. So wird die Hülle mehr als nur eine Verpackung: Sie macht den technischen Kern öffentlich lesbar, ohne ihn sofort freizulegen. Das Gebäude ist robust und unverwechselbar.”

Ein Gerüst aus Beton und Stahl

Hinter der ausdrucksstarken Fassade verbirgt sich ein rationaler Maschinenraum auf einem Betonfundament. Pfähle im weichen Boden, ein schwerer Betonboden, eine Stahltragkonstruktion, Abgasableitung, Belüftung, Wartungsbereiche sowie präzise positionierte Öffnungen und Gitter. “Die freie Form ist hier kein nachträglich ersonnener Kunstgriff, sondern das Ergebnis eines Entwurfs, in dem sich Konstruktion, Technik und Architektur gegenseitig ergänzen”, so Atteveld. “Die tiefen Vertiefungen an den Fassadenöffnungen und Lüftungsgittern lassen einen die Schwere des Gebäudes spüren. Das macht die Metapher des Meteoriten auch glaubwürdiger.” Die Allseitigkeit hatte zudem einen wichtigen Vorteil, da das Gebäude nicht an dem ursprünglich vorgesehenen Standort errichtet wird. “Durch seine eigenständige Formgebung und die reflektierende Hülle passt es ebenso gut zum Deichkörper am Nieuwe Leeuwarderweg, wo es ursprünglich entstehen sollte, wie an den Ort, an dem es jetzt steht.” 

HWC Het Groene Veld wird letztendlich mehr sein als nur ein Hilfswärmekraftwerk. In erster Linie geht es um Versorgungssicherheit, Spitzenlasten und ein Netz, das mit der Stadt mitwachsen muss. Darüber hinaus hat auch die öffentliche Funktion ein Gesicht erhalten, ganz in der untergegangenen Tradition von Berlage. “Es ist sehr zu schätzen, dass der Auftraggeber dafür Raum bietet”, schließt Atteveld. “Es ist ein komplexer Entwurf, bei dem aus funktionaler Sicht auch ein einfacher Kasten ausgereicht hätte. Deshalb gebührt auch den ausführenden Parteien, wie dem Bau-Subunternehmer K. Dekker und dem Stahlbauer Buiting, Anerkennung.” 

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