Hand- und Fingerverletzungen gehören nach wie vor zu den häufigsten und schwersten Verletzungen bei Hebearbeiten. Trotz Verbesserungen bei Ausrüstung, Schulung und Arbeitsvorbereitung kommt es in so unterschiedlichen Sektoren wie Industrie, Bau, Infrastruktur, Wartung und Offshore weiterhin zu Unfällen mit eingeklemmten Fingern, eingeklemmten Händen und unkontrolliertem Kontakt mit Lasten.

Als Reaktion darauf haben viele Organisationen das Konzept des freihändigen Hebens eingeführt. Die Absicht dahinter ist verständlich und richtig: die Verringerung von Handverletzungen durch Vermeidung von Körperkontakt mit Lasten. In der täglichen Praxis zeigt sich jedoch, dass Hebevorgänge nicht immer ganz ohne Handkontakt durchgeführt werden können. Daraus ergibt sich eine wichtige Frage für die Industrie: Wollen wir die Hände ausschalten oder eher Handverletzungen verhindern?
Der Begriff "Freihändiges Heben" suggeriert, dass Lasten völlig ohne Handkontakt angehoben, geführt, positioniert und abgesetzt werden können. Theoretisch würde dies alle Risiken für Hände und Finger ausschließen. In der Praxis erfordern Hebevorgänge jedoch regelmäßig kontrollierte Handlungen, z. B. beim Ein- und Aushängen von Lasten, beim Führen oder Einholen von Tragseilen, beim genauen Positionieren einer Last oder beim kontrollierten An- und Absetzen. Wenn das freihändige Heben als absolutes Prinzip dargestellt wird, kann dies tatsächlich zu unsicheren Situationen führen. Die Mitarbeiter sehen sich dann mit einem Konzept konfrontiert, das der Realität nicht gerecht wird, was zur Improvisation oder zum Aufschieben notwendiger Handlungen verleitet. Das Problem ist also nicht das Vorhandensein von Händen, sondern die Tatsache, dass die Hände in Gefahrenzonen geraten.
Die meisten Hand- und Fingerverletzungen treten auf, wenn die Hände Belastungen ausgesetzt sind:
- Engpässe zwischen Last und Struktur;
- Einklemmbereiche beim Landen oder Absetzen einer Last;
- unerwartete Lastbewegungen;

- Restenergie oder freigesetzte Energie bei der Freisetzung.
Diese Risiken bestehen unabhängig von der verwendeten Terminologie. Unabhängig davon, ob ein Unternehmen von freihändigem Heben spricht oder nicht, ist es entscheidend, wie effektiv die Gefahrenbereiche erkannt und kontrolliert werden. Aus diesem Verständnis heraus ergibt sich ein realistischerer und robusterer Ansatz, der zunehmend als "Safe Hands Lifting" bezeichnet wird.
Das Heben mit sicheren Händen ist eine Praxis, bei der die Mitarbeiter eine Last nur dann berühren, wenn dies sicher und auf kontrollierte Weise möglich ist, wobei die Hände stets von Quetschstellen, Einklemmbereichen und anderen Verletzungsrisiken für die Hände ferngehalten werden. Sicheres Heben mit den Händen erkennt an, dass die Hände in bestimmten Phasen eines Hebevorgangs erforderlich sein können, aber nur, wenn:
- die Risiken wurden im Voraus bewertet;
- Bedingungen unter Kontrolle sind;
- der Modus Operandi ist klar definiert.
Der Schwerpunkt liegt nicht auf Slogans, sondern auf risikobasiertem Arbeiten und Disziplin bei der Umsetzung.
Obwohl die Auslegung von einer Organisation oder einem Sektor zum anderen variieren kann, beruht das Heben mit sicheren Händen in der Praxis auf einer Reihe von festen Grundsätzen:
- Die Risikoanalyse bestimmt den Handkontakt. Handkontakt mit einer Last ist keine Selbstverständlichkeit. Jede Form des Handkontakts muss durch eine Risikoanalyse belegt werden und gilt als Ausnahme, nicht als Standard.
- Deutliche Höhenbegrenzung. Die Hände sollten nie auf oder gegen eine Last gelegt werden, wenn sich die Unterseite über Hüfthöhe befindet. Diese einfache Regel verhindert, dass man in kritischen Phasen unkontrollierten Lastbewegungen ausgesetzt ist.
- Vorbereitung statt Improvisation. Wenn Handkontakt notwendig ist, sollte er ausdrücklich in den Hebeplan aufgenommen werden: Wann, wie und durch wen ist er erlaubt?

Safe Hands Lifting ist keine isolierte Maßnahme, sondern das Ergebnis einer Kombination von praktischen Entscheidungen:
- Denkweise: die Erkenntnis, dass sich Lasten immer unerwartet bewegen können und dass die Hände standardmäßig außerhalb der Gefahrenzonen bleiben.
- Taglines: richtig eingesetzt, um die Richtung und Stabilität zu kontrollieren, ohne sich der Ladung zu nähern.
- Werkzeuge statt Hände: Ziehen Sie Schiebe-/Ziehwerkzeuge und Positionierungshilfen in Betracht, um direkten Handkontakt nach Möglichkeit zu vermeiden.
Durch diese Maßnahmen wird sichergestellt, dass die Kontrolle aufrechterhalten wird, ohne dass Hände und Finger unnötig exponiert werden.
Der Übergang vom freihändigen Heben zum Heben mit sicheren Händen zeigt, dass das Sicherheitsdenken in der Branche reift. Es ist ein Ansatz, der die Praxis anerkennt, ohne Kompromisse bei der Verletzungsprävention einzugehen. Die Verringerung von Hand- und Fingerverletzungen wird nicht dadurch erreicht, dass die Hände vollständig aus dem Prozess verbannt werden, sondern dadurch, dass der unkontrollierte Kontakt mit den Händen vermieden wird - mit Vorbereitung, Disziplin und Können. Safe Hands Lifting ist kein Slogan. Es handelt sich um eine praktische Methode, die in der täglichen Praxis von Hebevorgängen verwurzelt ist.